Wenn alles ersetzbar ist, wird nichts mehr wertvoll

Der Pullover ist noch intakt. Keine Löcher, keine Flecken. Der Stoff weich genug, um ihn weiterzutragen. Und trotzdem liegt er da – bereit, ersetzt zu werden. Nicht, weil er kaputt ist, sondern weil etwas anderes kaputtgegangen ist: unsere Beziehung zu Dingen. Wir besitzen mehr Kleidung als jede Generation vor uns und erinnern uns gleichzeitig an weniger davon als je zuvor.

Wenn Neues nichts mehr bedeutet

Der Moment ist vertraut: Ein neues Teil, ein kurzer Kick, ein flüchtiges Gefühl von „richtig". Dann Stille. Gleichgültigkeit. Das nächste Neue. Vielleicht ist es nicht der Überfluss an Dingen, der uns müde macht, sondern der Mangel an Beziehung. Dinge dürfen heute kaum noch altern – sie werden ersetzt, bevor sie Geschichte tragen können, bevor sie Spuren bekommen, bevor sie Teil von uns werden.

Es ist nicht nur Fast Fashion

An dieser Stelle erwarten viele die übliche Schuldzuweisung: Fast Fashion. Konzerne. Billigproduktion. All das ist real, aber es ist nicht der Anfang. Fast Fashion ist kein Ausrutscher – sie ist ein Symptom eines tieferliegenden Problems. Unser Verhältnis zu Dingen ist beschädigt, und zwar lange bevor wir über die Industrie sprechen.

Wegwerfen war einmal Fortschritt

Die Wegwerfgesellschaft ist keine natürliche Entwicklung – sie wurde konstruiert. In den 1950er-Jahren galt Wegwerfen als Befreiung: mehr Hygiene, mehr Bequemlichkeit, weniger Bindung an alte Dinge. Reparieren war plötzlich altmodisch, Behalten wurde zur Last. Disposability wurde zum kulturellen Ideal, nicht aus Dummheit, sondern aus Systemlogik. Wachstum braucht Austauschbarkeit, und Verfügbarkeit braucht Bedeutungslosigkeit. Was wir damals gelernt haben, tragen wir bis heute weiter – oft ohne es zu merken.

Wenn alles ersetzbar ist

Dieses Denken bleibt nicht bei Dingen stehen. Psychologische Forschung zeigt, dass Menschen, die Objekte als leicht austauschbar erleben, dieses Muster auch auf Beziehungen übertragen (Gillath & Keefer, 2006). Freundschaften, Orte, Jobs, sogar Identitäten werden behandelt wie Produkte: nutzbar, ersetzbar, kündbar. Was wir mit Dingen üben, üben wir irgendwann mit Menschen. Wenn alles jederzeit ersetzbar ist, wird nichts mehr wirklich wertvoll.

Warum Überfluss Bindung verhindert

Menschen binden sich nicht an Funktionen – sie binden sich an konkrete Dinge. An die Jacke, die durch mehrere Winter getragen wurde. An den Pullover, der nach einer bestimmten Wohnung riecht. An ein Objekt, das Geschichte trägt, nicht Perfektion. Bedeutung entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Dauer (Pierce, Kostova & Dirks, 2003). Doch genau diese Dauer wird durch Überfluss verhindert. Zu viele Optionen blockieren Beziehung, Austauschbarkeit verhindert Erinnerung. Eine Kultur des Überflusses kann keine Kultur der Wertschätzung sein.

Die Verheißung der Circular Economy

An diesem Punkt betritt die Circular Economy die Bühne mit einem beruhigenden Versprechen: Wir müssen uns nicht ändern, wir müssen nur effizienter werden. Recycling. Kreisläufe. Loops. Alles wirkt geordnet, technisch lösbar, sauber. Doch genau hier liegt das Problem.

Wie der schwedische Forscher Hervé Corvellec (2022) kritisiert, verengt die Circular Economy ein kulturelles und politisches Problem auf eine technische Frage. Sie verspricht Kontinuität ohne Bruch – weiterkonsumieren, nur smarter. Das klingt angenehm, aber es hinterfragt nicht die Grundlagen unseres Konsumverhaltens.

Das 9R-Problem

Theoretisch gibt es eine klare Hierarchie, wie wir mit Ressourcen umgehen sollten – die sogenannten 9 Rs der Kreislaufwirtschaft (Potting et al., 2017):

  • Refuse (Ablehnen): Brauche ich das überhaupt?
  • Reduce (Reduzieren): Kann ich mit weniger auskommen?
  • Reuse (Wiederverwenden): Kann ich es nochmal nutzen?
  • Repair (Reparieren): Kann ich es reparieren?
  • Refurbish (Aufarbeiten): Kann ich es aufwerten?
  • Remanufacture (Wiederaufbereiten): Kann ich es neu herstellen?
  • Repurpose (Umfunktionieren): Kann ich es umgestalten?
  • Recycle (Recyceln): Kann ich die Materialien wiederverwerten?
  • Recover (Zurückgewinnen): Kann ich zumindest Energie daraus gewinnen?

Je weiter oben in dieser Liste, desto besser für Umwelt und Ressourcen. Je weiter unten, desto mehr Energie und Material braucht der Prozess. Recycling steht ganz unten – es ist das letzte R, wenn alle anderen Optionen versagt haben. In der Praxis feiern wir aber ausgerechnet dieses unterste R als Heldentat. Recycling beginnt immer erst dann, wenn wir uns bereits für das Neue entschieden haben. Es räumt auf, aber es stellt nichts infrage.

Wenn Recycling zum Alibi wird

Das zeigt sich besonders deutlich bei großen Modemarken. Sammelprogramme wie „Close the Loop" oder „Conscious Collections" klingen progressiv: Kleidung zurückbringen, Gutschein bekommen, neu kaufen. Doch das System bleibt unangetastet – das Volumen bleibt hoch, die Geschwindigkeit bleibt hoch, die Löhne bleiben niedrig. Recycling wird zum moralischen Freifahrtschein, nicht zur Reduktion, sondern zur Legitimation. Nicht, weil Unternehmen böse sind, sondern weil der Markt Image belohnt, nicht Verzicht.

Derselbe Abfall, zwei Bedeutungen

Der Textilmüll verschwindet nicht – er verschiebt sich. Was im Globalen Norden als Loop-Marketing inszeniert wird, landet im Globalen Süden als existenzielle Last. In Ghana zum Beispiel, wo wir für unsere kommende Dokumentation „Dead White Clothes" recherchiert haben, türmen sich Berge von europäischen und amerikanischen Altkleidern. Was hier als „Spende" oder „Kreislauf" verkauft wird, zerstört dort lokale Textilindustrien und überflutet Märkte mit unverkäuflichem Müll.

Dort wird derselbe Abfall nicht beschönigt – er wird sichtbar gemacht, politisiert, umgedeutet. Upcycling wird dort zur Anklage, nicht zum Trend. Nicht „nachhaltiger Stil", sondern kultureller Widerstand gegen ein System, das seine Verantwortung outgesourct hat.

chvnge ist kein Versprechen – es ist eine Bewegung

chvnge ist kein Kreislaufversprechen und kein Skalierungsmodell für die Massen. Es ist eine Bewegung, die versucht, Dinge dem Zwang zur Austauschbarkeit zu entziehen – nicht effizienter zu machen, sondern bedeutungsvoller. Weniger Teile, mehr Geschichte, mehr Bindung. Bewusst begrenzt, bewusst langsam, bewusst unperfekt.

Unsere Responsible Couture ist kein Produkt, sondern eine Haltung: Wir verwenden alte Materialien und Textilien, die wir mit aufwendiger Handarbeit neu verarbeiten. Diese Stücke erscheinen saisonal oder im Rahmen unserer thematischen Kollektionen – sie sind mehr als Kleidung, sie sind Botschaft und Kunstobjekt zugleich. Wir schaffen keine Masse, sondern Einzelstücke mit Charakter.

Unser Ansatz ist nicht: „Kauft mehr Nachhaltiges." Unser Ansatz ist: „Braucht weniger Neues." Wir bauen eine Community von Menschen, die Mode nicht als Trend sehen, sondern als Ausdruck von Haltung, Kreativität und Verantwortung. Eine Community, die weiß: Echte Veränderung passiert nicht durch perfekte Produkte, sondern durch veränderte Beziehungen – zu Dingen, zu Menschen, zu Systemen.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage

Was wäre, wenn Nachhaltigkeit nicht bedeutet, besser zu konsumieren, sondern weniger Neues wichtig zu machen? Was wäre, wenn wir aufhören würden, Dinge zu ersetzen, bevor sie Teil unserer Geschichte werden können? Und was müssten wir dann verlernen – über Erfolg, über Status, über das, was uns wertvoll macht?

Geschrieben von:

Daniel Kartaschow
LinkedIn

Quellen:

  • Corvellec, H., Stowell, A. F., & Johansson, N. (2022). Critiques of the circular economy. Journal of Industrial Ecology, 26(2), 421-432.
  • Gillath, O., & Keefer, L. A. (2006). How early attachment affects your relationships with objects. European Journal of Social Psychology, 36(6), 953-968.
  • Pierce, J. L., Kostova, T., & Dirks, K. T. (2003). The state of psychological ownership: Integrating and extending a century of research. Review of General Psychology, 7(1), 84-107.
  • Potting, J., Hekkert, M., Worrell, E., & Hanemaaijer, A. (2017). Circular Economy: Measuring innovation in the product chain. PBL Netherlands Environmental Assessment Agency.

Upcycling Kollektion

Alle anzeigen
"Algenblüte" Distressed Jeans

"Algenblüte" Distressed Jeans

"Algenblüte" Distressed Jeans

€90,00 EUR
Armstulpen

Armstulpen

Armstulpen

€29,00 EUR
Armstulpen mit Kunstfell

Armstulpen mit Kunstfell

Armstulpen mit Kunstfell

€39,00 EUR
Asymetrischer Blazer

Asymetrischer Blazer

Asymetrischer Blazer

€59,00 EUR

JOIN THE COMMUNITY - 10% auf deine erste Bestellung!

Tritt der chvnge Community bei für Early Access, exklusive Insights und 10% Rabatt auf deinen ersten Einkauf.